Wake

Leseproben


Wake 1 - Kapitel 9 - Besuch

[...] Sie bewegte sich nicht. Und sie erschrak auch nicht. Sie stand einfach nur da, mit klopfendem Herzen, und sah ihn an. Wie ein Schatten stand er in ihrem Wohnzimmer. Groß. Und schwarz wie die Nacht. Sie konnte nur seine Konturen erkennen, die von dem Mondlicht, das ihm in den Rücken schien, aufleuchteten wie eine Aura. Der Wind fuhr ihm immer wieder durch das lange, dunkle Haar und ließ das Licht darin verspielt tanzen. Doch sein Gesicht konnte sie nicht erkennen. Es lag im Schatten. So wie der Rest seines Körpers. Träumte sie wieder? Schrie sie deswegen nicht? Sie war vollkommen ruhig und gefasst. Obwohl ihr Herz wild gegen ihre Brust schlug.

 

Als er sich in Bewegung setzte, zuckte sie jedoch zusammen und bewegte sich mit ihm. Ihr Körper folgte seinen fließenden Bewegungen, als zögen unsichtbare Bänder an ihren Gliedern, oder als seien ihre Glieder unmittelbar mit seinen verbunden. Als er sich nach rechts drehte, drehte sie sich nach links und als er mit langsamen Schritten einen Halbkreis um sie herum zog, zog ihr Körper einen ebensolchen Kreis in die entgegengesetzte Richtung. Es war fast, als würden sie sich spiegeln. Und es geschah von ganz allein. Er blieb erst dann wieder stehen, als sein Gesicht im Mondlicht aufleuchtete. Erst dann blieb auch Aina stehen und wich fassungslos ein paar Schritte zurück, bis sie gegen ihren Schrank stieß. Seine Haut schimmerte so hell und makellos, wie feinstes Porzellan und seine dunklen Augen stachen daraus hervor, wie zwei pechschwarze Edelsteine. Er war schön. Atemberaubend schön. Markant, männlich und von unbeschreiblicher Perfektion. Doch sein Blick war kalt und sein Gesicht wirkte trotz seiner leuchtenden Schönheit finster und unheimlich. Und doch war sie in seiner Gegenwart und angesichts der Tatsache, dass hier ein Einbrecher in ihrem Wohnzimmer stand, seltsam ruhig und entspannt. Nur ihr Herz hämmerte wie wild geworden gegen ihre Brust. Vor Aufregung. Vor Faszination. Vor … Glück. Sie war ihre verrückten Gefühle schon seit langem gewohnt, doch in einer solchen Situation Glück zu fühlen, ging selbst für ihre Verhältnisse zu weit. Sie versuchte sich zur Vernunft zu rufen, aber sie suchte vergeblich ihr Gehirn. Es war wie betäubt. [...]


Wake 1 - Kapitel 35 - Mia

Es donnerte ein kalter Wind durch die Straßen und peitschte den Regen mit einer Gewalt gegen die Fenster, dass man Angst bekam, sie würden zerbersten. Lautes Pfeifen heulte um die Häuser und doch war dieser gewaltige Sturm nicht in der Lage die dunklen Wolken vom Himmel zu verbannen und den Vollmond zu befreien. Schon einmal hatten die Bewohner der Stadt eine solche Dunkelheit erlebt und diese Kälte, die selbst den härtesten Mann von der Straße jagte. Doch es war weder die Finsternis noch die Kälte, welche all die Menschen – zusammengekauert in ihren Wohnungen und Häusern – in diesen seltsamen Angstzustand versetzte. Es war dieses Gefühl! Dieses erdrückende, kalte Gefühl. Vielleicht mochte man sich so fühlen, wenn man um sein Leben bangte oder vor einem Abgrund stand und drohte in den Tod zu stürzen. Doch diese Vorstellungen waren nichts im Vergleich zu dieser erstickenden Gewalt, welche die Menschen so ergriff, dass sie ohne ersichtlichen Grund vor Angst erstarrten.

 

Es war fast Mitternacht, als ein kurzer Schrei das Pfeifen und Heulen des Windes durchdrang und sogleich wieder verstummte. Die Menschen in dem kleinen Krankenhaus waren in heller Aufruhr und versuchten der einzigen Frau zu helfen, die in dieser Nacht ihr Baby bekam.

 

Wieder hallte ein Schrei durch die sauberen Gänge der Klinik und ein Arzt rannte über den Flur und verschwand hinter einer Tür.

 

»Pressen!«

 

Eine Hebamme hatte ihren Arm unter den Nacken der Schwangeren gelegt und hielt ihre Hand, während sie ihr sagte, was sie tun sollte.

 

Aina krallte sich weinend in ihrem Betttuch fest. Schweißperlen rollten ihr über das blasse Gesicht und die nackte Angst stand ihr in den Augen. Selbst der Arzt zitterte am ganzen Leib und kämpfte gegen dieses unerklärliche Gefühl an. Grelle Blitze zuckten durch die schwarzen Wolken und wurden von einem ohrenbetäubendem Donnern begleitet.

 

Warum war sie hergekommen? Warum war sie nur hergekommen? Sie hatte sich geschworen diese Stadt nie wieder zu betreten. Nie wieder. Sie barg so viele Erinnerungen, die verboten waren. Erinnerungen, die nie wieder in ihren Kopf zurückkehren durften. Was hatte sie getan?

 

»Noch ein bisschen!«, rief der Arzt und hielt sich mit zitternden Händen bereit, das Kind sicher auf die Welt zu holen.

 

Sie wollte es wieder spüren. Dieses Gefühl von damals, als sie zu der Frau erwacht war, die sie jetzt ist. Diese Wärme, diese Freiheit, diese Vertrautheit. Doch die Reue war schmerzhafter, als die Qualen, die diese Geburt mit sich brachten. Und diese Nacht. Sie betete, dass sie sie in diesem Krankenhaus nicht fanden. Sie dachte an die Stadt, in der sie nun lebte. Die Großstadt. Eine Millionenmetropole. Und sie dachte an ihre Arbeit. An das Kinderzimmer, das sie ganz allein eingerichtet und gestrichen hatte. Sie dachte an alles. Nur nicht an ihn. Nicht an ihn! Sie flehte alles – was ihr heilig war – an, ihr beizustehen. Sie zu beschützen, so lange sie hier war. Sie würde sofort verschwinden. Sobald sie wieder stehen konnte, würde sie ihr Kind nehmen und weglaufen. So schnell sie nur konnte. Aber für diese Nacht bettelte sie geradezu um Schutz. Auch wenn sie wusste, dass immer jemand in ihrer Nähe war, der ein Auge auf sie hatte, flehte sie. Denn sie wusste, was da draußen wütete. Sie wusste es.